Rasierklingen-Poser | commuting

Rasierklingen-Poser

Ich wurde überhaupt nicht wach, als um sieben der Wecker klingelte, obwohl die Kartoffelwäsche schon im Gange war. Durch die Fenster fiel ein kühles, klares Licht, ungewohnt nach Monaten gleißender Hitze. Ich frage mich, ob der Herbst, wie schon dies Frühjahr, nur drei Tage dauern wird. Irgendetwas stiehlt uns die Übergänge.

Wir hatten noch lange geredet nach dem Abendessen, über griechisches Versmaß mit Lucys Familie und über Amareys Job in einem Amsterdamer Start-up, das, wie sie sagte, die Rasierklinge neu erfunden hatte. Die Verzweiflung, mit der ich schließlich ins Bett ging, befiel mich, als wir versuchten, die Bahnhofs-Transfers für den nächsten Tag zu optimieren. Neben all den anderen Faktoren stand dabei im Raum, dass Amarey nicht allein fahren sollte. Während wir diskutierten und uns gegenseitig gereizt auf die Denkfehler hinwiesen – der Bulli hat nur drei Sitze; dann steht das Auto aber am falschen Bahnhof usw. – wurden in Chemnitz POC von einem Mob durch die Straßen gejagt. Und während der von ihm gepriesene Rechtsstaat einen Pogrom nicht verhinderte, verurteilte der Regierungssprecher Selbstjustiz. Als ob irgendeine Justierung die zwei vermeintlichen Mörder mit den hier gejagten Menschen zusammenbrächte. Als ob der Fehler bloß darin läge, wer hier verfolgte und nicht, nach welchen Maßstäben die Verfolgten gruppiert wurden.

Ich trank meinen Tee und versuchte aufzuwachen. Aurélie unterhielt mich, indem sie mit dramatischer Diktion die Leserbriefe aus der Landlust vorlas. „Solche Ideen sollten in einer Zeitschrift Ihres Niveaus keinen Platz finden. Natur ist dort am schönsten, wo sie sich von selbst und nachhaltig präsentiert.“ Ich entschied, dass ich auch ohne zu duschen in die Stadt fahren könne. Angie hatte schließlich gestern am Telefon ob des erschienenen Buchs und des absolvierten Bewerbungsgesprächs geraten, dass ich jetzt erstmal verlottern solle. Nachts hatte ich geträumt, dass ich die Professur bekäme und dass Krieg ausbrach.

Aurélie brachte mich zusammen mit dem Hund zur Bushaltestelle in der Dorfmitte. Wir begrüßten Herrn Heller, den ausgedienten Feuerwehr-Chef, der versuchte, beschäftigt auszusehen, wie er da reglos auf dem unumzäunten Rasen vor seinem Haus stand. Der Rufbus wartete schon. Ich gewann die Wette, dass es sich bei der kurzhaarigen Person hinterm Steuer weder um einen Rentner noch um eine normale Brandenburgerin mit patenter Frisur, sondern um eine echte Lesbe handelte. Jeans, Bomberjacke, kein Schmuck an den Fingern. Vergnügt verabschiedete ich mich – dezent wie immer in Dorfmitte – von Aurélie. Während der Fahrt unterhielten wir uns über unverantwortliche Taxifahrer vom Konkurrenzunternehmen und über das Rufbussytem, über dessen Erhalt die Fahrerin zuversichtlich war. „Sonst sind doch die Dörfer vollkommen abgeschnitten.“

Fünfundzwanzig Minuten Wartezeit in Pritzwalk. Niemand war am Gleis. Die Cafeteria „Bahnsteig 7“ hat inzwischen geschlossen. Obwohl ich einen Rollkoffer voller Bücher dabei hatte, entschied ich, ein paar Strassen weiter zur Bäckerei zu gehen und mir Kaffee zu besorgen.

Ich bog um die Ecke. Eine einstmals stattliche rosa Gründerzeitfassade blätterte unter einem großen Planen-Plakat vor sich hin – „Haus sucht Hausherrn“ warb die städische Immobilienverwaltung. „Eva!“ hörte ich von der anderen Straßenseite rufen. Dort stand Knuts Igel. Ein rostiger, roter Berlingo auf dessen Motorhaube eine grimmige Igelnase gesprayt war, das Dach dann voller Stacheln. Knut. Meine Stimmung war schlagartig besser. Ich überquerte polternd das Kopfsteinpflaster und fiel ihm um den Hals, wie immer etwas besorgt, das zerschlissene Punk-T-Shirt gänzlich zu zerreissen. „Warte, ich hab was für Dich“. Ich kramte ihm ein Buch aus meinem Koffer hervor. „Ich pack schon mal die Sachen ein, geh du zum Bäcker“, sagte er. Ich brachte ihm auf Verdacht ein Quarkbällchen und einen Kaffee mit. Zeit genug, das zu entscheiden hatte ich. Diese aufwallende Ungehaltenheit ob des Tempounterschieds. Die Zeit, die es dauerte, bis das Mischbrot der Kundin vor mir verpackt war. Ich weiß noch, wie mich meine New-York-verwöhnte Freundin Romy immer entsetzt hat, wenn sie in Kreuzberg lauthals den langsamen Service beklagte. Hier neige ich zum selben Affekt. Ich bedankte mich freundlich und hüpfte die Treppe hinunter. Knut wischte den eingestaubten Beifahrersitz frei von Gerümpel und ich fühlte mich wohl in meiner Ungewaschenheit.

„Das mit der Revolution überlege ich mir ja schon eine Weile“, schrieb ich vorn in sein Buchexemplar. „Aber wie wir es danach hinkriegen, das kann ich mir eigentlich erst vorstellen, seit wir uns kennen.“

„Ej,“ sagte Knut. „Ich war grad auf ’ner Beerdigung.“ – „Was,“ fragte ich, „schon wieder?“ Vor einigen Wochen hatte schon die Beisetzung von Pierre stattgefunden, einem guten Freund Knuts, fester Bestandteil des Prignitzer Nischen-Netzwerks, der freien Handwerkerszene. „Gesindel-Abschied“ hatte Knut das Zusammentreffen am Seeufer genannt und sich darauf auf eine feierliche Art gefreut, die mich fast beschämt hatte, während ich noch Worthülsen für das Grauen des Todes suchte. Pierre war auf einer Baustelle ums Leben gekommen. Eine alte Fabrikanlage sollte Naturschutzgebiet werden. Sein Bruder hatte versehentlich mit der Baggerschaufel ein Steinportal eingerissen ohne zu wissen, dass Pierre gerade daruntergereten war.

„Mein Cousin“, sagte Knut. Meine Beleidsbekundung lief schon wieder ins Leere. „Das war ein Scheiß-Event. Naziaufmarsch. Er hat früher mal ‘nen Russen erschlagen. Ist jetzt mit Herzinfarkt vom Rad gefallen. Und die sind total gegen Kirche, aber dann ist da so eine gestelzte Rednerin, und sie kommen da gar nicht raus, die selben Bilder, das selbe Seelengequatsche, alles völlig leer. Kein Wort vom Knast, nur immer wie toll er war und wie viele Freunde er hatte – und dann siehst du sie da stehn, die ganzen Dreckskerle. Ich bin noch nie durch ’n Nazispalier gelaufen. Hat mich gefreut, dass die uns da angucken mussten.“ Knut grinste unter seinem verzottelten Schopf hervor. Ich fragte, ob sie noch geblieben seien. „Nee, wir wurden denn auch ausgeladen. Die Eltern sind auch schon total schief davor. Also die Mutter ist eigentlich ok, das ist die Schwester von meiner Mutter. (Knuts Mutter ist eine Halbgöttin.) Aber die hat halt ’n Scheißtypen gekriegt. So einen Rasierklingen-Poser.“ – „Rasierklingen-Poser?“ fragte ich. „Na ja, so nach dem Motto »Was, das Essen ist immer noch nicht auf dem Tisch?«“. Er machte vor, wie jemand mit dem Arm fuchtelt und auf die Uhr zeigt. Mir scheint, dass ich über Zeitregime noch nicht zuende nachgedacht habe. Und noch nichtmal darüber, welche Rolle Frauen jeden verdammten vorrevolutionären Tag in der Gewaltabsorption spielen.

„Mhm,“ sinnierte ich. „Glaubst Du eigentlich, dass die sich langweilen? Das sagt Aurélie immer. Und dass Gewalt zumindest nicht langweilig ist?“ – „Das ist halt alles, was denen einfällt,“ sagte Knut. „Seine Freundin hat Schluß gemacht, der hatte schlechte Laune, irgendwas sollte passieren, also sind sie los und haben einen Russen totgeprügelt.“ Er schüttelte den Kopf. Der Regionalexpress fuhr ein.

„Die haben auch ihre Revolution,“ sagte Knut und prüfte, ob ich seinem Blick standhielt.