Gerüstbau | commuting

Gerüstbau

Es ist kurios, dass wir uns hier jetzt gegenübersitzen. Shoppende Schülerinnen, Einzelhandels- und Bürofachkräfte haben in Spandau massenweise den Zug verlassen und selbst die Falkenseer Nachhut ist ausgestiegen. Leute in prekären und dennoch begehrten akademischen Arbeitsverhältnissen fahren mit diesem Zug wenn überhaupt dann nur am Freitag Abend, wenn sie zu Freunden auf’s Land raus fahren. Meistens sagen sie diese Touren aber in letzter Minute wegen einer Deadline oder einer Diskussionsveranstaltung ab. Wer hier jetzt noch sitzt, hat entweder keinen Job in Berlin, oder pflegebedürftige Eltern zu Hause, oder irgendein anderes Problem.

Die Jungs gegenüber sind Gerüstbauer. Sie tragen über ihren Zimmermannshosen voller Betonstaub die Firmen-Klamotten. Zufällig weiß ich ganz gut, was Gerüstbauer machen. Das ist der Knochenjob der Knochenjobs, denen stehen selbst noch die Dachdecker im Nacken. Hin, hochziehen, weg.

Bei uns in der Gegend, da ist ein Gerüstbauer, mit dem ich gut vertraut bin. Er fährt einen schwarzen Jeep, aber es kommt mir immer vor, als käme ein Piratenschiff mit Ochsenblut-roten Segeln auf den Hof gefahren. Er ist groß, dick, hat einen weißen Stoppelbart und grinst verwegen mit entblößtem Eckzahn aus Gold. Wettergegerbt hießen solche Gesichter in den Büchern meiner Kindheit. Nach Abbau, immer erst nach Abbau, streckt er gemütlich grinsend seine Pranke aus und kassiert die knisternden Scheine. 30€ pro Quadratmeter, wie lange es steht, darüber wird ein Glasauge zugedrückt. Das ist der Chef. Geredet habe ich bisher nur mit dem, mit seinem dröhnenden Brandenburger Bass. Er ist zufrieden mit uns. Obwohl er die Profit-Kniffe gelernt hat, hat auch er seine real-sozialistische Grundschule in den Knochen. Es gibt Leute, die arbeiten. Die verdienen Respekt. Die anderen nicht. Egal wie ahnungslos wir an unserem halbverfallenen Haus rumbasteln, egal, welch sonderbare Worte auf unseren T-shirts stehen: dass wir ein Gerüst brauchen beweist, dass wir zu denen gehören, die arbeiten. Vermutlich hält er uns, wie die meisten hier, für erwerbslos – warum sonst würden wir vormittags um elf im Haus rumsitzen und abends lange Licht brennen haben. Aber wir machen auch was anderes als Rumsitzen, darauf kommt es an.

Wirklich arbeiten tun aber nur seine Leute. Die sind überhaupt immer nur ganz kurz da und sprechen eine osteuropäische Sprachen, die ich nicht mal identifizieren kann.

Da wir knapp kalkulieren, müssen wir manchmal ein paar Lauf-Planken selber umsetzten. Die Handwerker aus dem Reisegewerbe erklären, wo ich mit anfassen soll. Deshalb ahne ich, was es heißt, so ein komplettes Ding in ein paar Stunden mit ein paar Mann hochzuziehen. Keiner von denen wird in zehn Jahren noch irgendwas heben können.

Die Jungs gegenüber sind bereits beim zweiten Bier. Im Großen und Ganzen werden in unserer Gesellschaft nur Frauenkörper mit Haut und Haar verdinglicht und verwertet. Ansonsten bleibt es bei Arbeitskraft, Daten und Affekten. Aber die Rücken dieser Jungs, die breiten rasierten Nacken, die sehnigen Arme und Hände voller Hornhaut und Tätowierungen, die werden mitverwertet. Sie sind alle an die zwei Meter groß. Wenn man groß ist, hält der Rücken erst recht nicht.

Breitbeinig sitzen sie da und prosten sich zu. „Alter, bin ick feddisch, ick dachte heute um viere ick steh nie wieder uff.“ Um vier. Genau. Die haben zwei Stunden Anfahrt, so wie ich, aber die stehen um 6.30 auf der Baustelle.

Der stillste von den Dreien steigt in Neustadt-Dosse aus und schlurft mit stierem Blick über den Bahnsteig weg. Einer der beiden verbliebenen Kollegen schaut ihm missbilligend hinterher: „Was is der eigentlich für ein Spacko, wenn der so über die Baustelle latscht, kann er seine Sachen packen.“

Das ist jetzt schon nicht mehr sozialistische Schule.

Den Gesprächfetzen entnehme ich, dass die beiden Kinder haben. Der eine, auf dessen Armen bedenklich nordische Tatoos prangen, scheint auch mit denen zu leben. Der andere berichtet aufgestachelt von seinen Wochenendausflügen.

„Pritzwalk? Nach Pritzwalk geh‘ ick nur zum Ficken. Ick hab da ‘ne Alte, boah kieck ma,“ – er wedelt mit seinem Handy vor der Nase des Anderen – „Und denn schreibt se so: »bind mich an den Stuhl und mach was Du willst mit mir.«

Ich versuche möglichst unverfänglich auf den Boden zu gucken und frage mich gleichzeitig, ob es nicht vorschnell ist, hier nervös zu werden, wenn eine die Berliner Fetisch-Szene auch nicht beunruhigt. Trotzdem (oder drum?) will ich mir jetzt keinen dummen Spruch einfangen.

Der untätowierte Hühne steht von seinem Klappsitz auf und geht breitbeinig durch den schlingernden Regionalbahnflur zur Toilette. Schwankender Gang, das kenne ich auch aus maritimen Abenteuerbüchern.

Als er zurückkommt – die behindertengerechte Schiebetür ist noch dabei, sich langsam wieder automatisch zu schließen – sagt er zufrieden grinsend: „Alter! Der Nächste hat Pech gehabt!“

Der Satz klingt mir seitdem immer im Ohr, wenn ich eine öffentliche Toilette betrete, und nie kann ich umhin, ihn irgendwie ziemlich witzig zu finden.