Stacheldrahtkrönung | travel writing

Stacheldrahtkrönung

Ich sitze im Kölner Dom. Der Schreibtisch in meinem Hotelzimmer war – wie so oft in Hotelzimmern – nicht zu benutzen. Eine Art Theke mit so hohem Schlangen-Kunstleder-Hocker davor, dass die Beine nicht unter die Tischplatte passten. Da schreibt‘s sich selbst auf Kirchenbänken besser.

Ich genieße die Kühle der steinernen Wände, die Atemluft des himmelstrebenden Gewölbes und – das wohl eine Nachwirkung der letzten Erschöpfungsmigräne – das durch bunte Bleiglasfenster gnädig gedimmte Licht. Dabei hatte mich das Gebäude von außen konsterniert. Eines der zentralen Fenster ist verbarrikadiert und über der Sperrholzplatte kringelt sich eine Rolle Nato-Draht. Gegen Einbrecher? Gegen Tauben? Stacheldraht und Kirchen passen in meiner Vorstellung nicht zusammen. Aber vielleicht habe ich nur noch nicht lange genug über Dornenkronen nachgedacht.

Eigentlich wollte ich bloß über die letzten vierundzwanzig Stunden und die PhilCologne nachdenken. Ich hatte mich mit kindischer Freude auf das 4-Sterne-Zimmer gefreut. Noch immer überfällt mich bei Vortragseinladungen dieses Staunen, dass mir einfach von irgendwem ein Hotel bezahlt wird (und ohne Gegenleistung, zumindest im Hotel). Aber den stickigen Raum mit zottigem Flauschteppich, schlecht tapezierten Wänden und einer empörenden Foto-Collage aus jungen Asiatinnen und Nachtclub-Fassaden hat dann nichtmal die Whirlpool-Badewanne aufgewogen. Trotzdem der Genuß dieser unsäglichen Regression, dessen, was sogenannte erfolgreiche Erwachsene sich leisten können: auf ein frisch bezogenes Bett zu fallen, eine kurze Weile ungestört zu hausen und dann wortlos wieder abzureisen, als kümmerte einen nicht mal die Sintflut, die man selber ist.

Der eigentliche Abend lief gut, ich war entzückt über die Theaterbühne und hatte die dankbare Aufgabe, Hannah Arendts Begriff des Verstehens zu erklären. Irgendein mulmiges Gefühl ist mir allerdings geblieben, ein leiser Schreck fast, dass ein volles Theater so eine Sehnsucht nach den paar Brocken Philosophie aufbringt. Vorher hatte ich gelästert über das Großbürgertum, das Platzkarten für Vorträge kauft, aber das war gar kein Opernklientel. Die Fragen nachher im Foyer waren gut, ruhiger und ernsthafter als in den Uni-Kontexten.

Und doch: hat nicht gerade mein “gelungener” Vortrag diesen Impuls nach Reflektion und Gestaltung, der ein politischer sein könnte, in eine Kulturindustrie absorbiert, die jetzt auch eine Philosophie-Sparte bietet?

Ich bin erschöpft. Als wären mein Gesicht und meine Glieder von einer Fußmatte beschwert. Gestern im Zug dachte ich noch, dass es verglichen mit meinem sonstigen derzeitigen Stresslevel geradezu entspannend sei, mich einfach einen Tag lang derselben – und noch dazu intellektuell anregenden – Tätigkeit zu widmen. Morgens aufzustehen, in einen Zug zu steigen und mir nur von den dringendsten Emails unterbrochen den Vortrag auszudenken, der abends zu halten ist. Als ich das nachher auf der Hotel-Dachterrasse, über alkoholfreiem Cocktail und Dom-Silhouette, meiner Kollegin Simone erzählte, merkte ich erst an ihrer perplexen Nachfrage – “Alles ok bei Dir?” –, dass mir vielleicht eine fragwürdige Verkehrung unterlaufen war. Wie ein Postdoc, der sich im Flugzeug erholt.

Gestern, als der Zug in Köln einrollte und ich über die abscheulichen “love-locks” am Brückengitter hinweg aufsah, hat mich der Anblick des Doms wie ein Blitz geschlagen.

Wie lange ist das jetzt her? Fast 20 Jahre. Luna und ich waren anläßlich des Bundesturniers als Stallmädchen nach Köln gereist. Sie im Team der Auktionsreitpferde, ich mit einem Schöning’schen Kandidaten für die Frühjahrskörung. Ob Luna bezahlt wurde, weiß ich nicht. Ich nahm Sonntag abends Eier mit zurück in die Kieler Studentenwohnung, aber mein eigentlicher Lohn bestand darin, von der Pferdekunde der von mir zutiefst verehrten Veronika von Schöning zu zehren. Ich weiß nicht, warum ich zwei Nächte nicht geschlafen hatte. Vielleicht hatte ich noch Lederzeug geputzt, vielleicht hatte ich auch einfach nur im urigen Fachwerk-Backhaus auf Hof Hahnenberg wach gelegen in meiner Verwirrung darüber, ob es mir eigentlich um Pferdekunde ging oder andere Qualitäten der Weisheit (und ob ich nicht doch mit dem Medizinstudium zu Gunsten der Philosophie aufhören solle). Am betreffenden Morgen waren wir um vier Uhr nachts mit Pferdehänger in Ostholstein losgefahren.

Luna und ich waren gegen mitternacht mit der Arbeit fertig. Ich zitterte vor Müdigkeit. In unserer Weltneugierde – Luna ging noch zur Schule und ich war auch zum ersten Mal in Köln – entschieden wir, jetzt den Dom zu besichtigen. Von wegen Anti-Sightseeing. In meiner verstaubten Turnierkluft wollte ich mir auf keinen Fall die Sehenswürdigkeit entgehen lassen. Luna und ich hatten uns ein paar Jahre früher auf einem tristen Reitlehrgang kennengelernt und entdeckt, dass wir beide Bachmann-Gedichte kannten. In jedem Bezug auf “Kultur”, so fragmentiert und ahnungslos er war, lag ein Zauber, den ich heute kaum noch fassen kann. Es gab diese Gewissheit zwischen uns, dass wir vollere Menschen würden, dass alles kostbarer würde, dass sich Wege auftäten, wenn wir uns nur mit den richtigen Dingen befassten. (Ob es das ist, was gestern den Zuschauerraum füllte?).

Der Dom war natürlich abgeschlossen, aber doch imposant, wie er im fahlen Mondlicht da lag. Selbst der Mond spielte seine Rolle in der selben Verheißung. Er ist ja auch ebenso Teil des romantischen Kulturbegriffs. Es war eine Frühjahrsnacht, in der die Temperaturen noch gegen Null sackten, und wir hatten beide versäumt, ordentlich zu essen. Der Weg zu Fuß zurück zum Turnierplatz zog sich hin. Wir begannen, unkontrolliert mit den Zähnen zu klappern.

Von drei Seiten – Hunger, Schlafmangel und Kälte – gruben sich Drohungen in meinen Körper, die ich so intensiv noch nie erlebt hatte. Wenn ich von einem bockenden jungen Pferd gefallen war, dann gab es diese Sekunden nach dem Aufprall, in denen man noch nicht wieder Atem holen kann und nicht weiß, ob man es können wird. Ich kenne das physische Gefühl davon, dass wir sterblich sind. Aber die Brutalität, mit der der Körper auf seinen Notwendigkeiten bestehen kann, das war mir völlig neu. Mir ging auf, dass Erfrieren oder Verhungern heißt, an einem Schmerz zu sterben, den der Körper sich selbst zufügt, um sich zu zwingen, gegen Hunger oder Kälte zu kämpfen.

Das große Eisentor zum Turniergelände war abgeschlossen. Das einzige, was mich noch auf den Beinen hielt, war die Aussicht auf eine warme Dusche im Waschraum neben den Ställen. Aber das war auf der anderen Seite des Zauns, genau wie Lunas Wohnwagen, in dem ich mit unterkommen würde. Wir liefen den Zaun ab, um eine Stelle zu finden, an der wir hindurchkämen. Irgendwann entdeckten wir den Übergang von nahtlosen Bauzäunen zu in Reihen gespanntem Stacheldraht. Ich hatte Angst vor Alarm, Stromschlägen und sogar Selbstschussanlagen. Als ich mit wackligen Knien durch die von Luna auseinandergehaltenen Drähte hindurchstieg, wurde mir klar – so wie einem das Ergebnis einer Matheaufgabe klar werden kann –, dass ich den Punkt berührt hatte, an dem es nur noch um’s Überleben geht. Gerade weil ich es mir jetzt überhaupt nicht mehr vorstellen kann, erinnere ich mich so deutlich. Mir war aufgegangen, dass ich in jenem Moment keine Hemmung gespürt hätte, zu morden. Ich weiß noch, wie ich dachte, dass ich mir das merken müsse.

Es stellte sich dann heraus, dass die Duschen kein warmes Wasser hatten. Wir aßen ein paar Müsliriegel, stapelten alle Decken und Polster des klammen Wohnwagens über uns und waren am nächsten Morgen zur Futterzeit eigentlich wiederhergestellt. Natürlich hatte das Leben nicht auf dem Spiel gestanden.

War das wirklich eine vom Denkmal geweckte Erinnerung? Oder habe ich diese Nacht im Kopf durchgespielt, um mir das Lampenfieber auszutreiben? Jedenfalls trat ich noch etwas versonnen auf den klaustrophoben Bahnhofsvorplatz, der davon gebildet wird, dass die modernistische Bahnhofsfassade in den Sichtbetonsockel des Doms rammt.

Dort fand ich mich von Polizeiautos umstellt. Ich starrte entgeistert auf eine in Containern untergebrachte temporäre Wache. Ist das jetzt die ultimative Selbstinszenierung der Ordnungsmacht? An dem Ort posieren, wo sich das rassistische Phantasma des Schwarzen Mannes präsent halten lässt? Und während sie sich so ihrer Legitimität versichert, sitzt die Polizei ausgerechnet in der Unterkunft, die sonst Flüchtlingen und Wanderarbeitern geboten wird – vorübergehend dem Warenfluss entliehene Container.

Hier sitze nun also ich, endlich innen im Dom drin, als Geschäftsreisende der Philosphie und schreibe vor mich hin. Nabelschau, einge-igelt in eine Außenhaut aus Stacheldraht. Auf dem Domvorplatz kann man derweil das Abendland besichtigen.